Normalerweise bloggt hier Sara. Zum Thema Coronavirus muss aber ich jetzt etwas sagen. Für diejenigen, die es nicht wissen: Ich habe 10 Jahre lang als Biologielaborant mit Viren und anderen Krankheitserregern unter erhöhter Sicherheitsstufe an der ETH und Universität Zürich gearbeitet. Was früher mein Berufsalltag war, holt mich wie euch nun plötzlich auch ausserhalb der sterilen Sicherheitslabore ein und bedroht uns sowohl in unserer privaten wie auch beruflichen Existenz. Ich werde daher in den folgenden Zeilen einerseits die aktuelle Corona-Pandemie aus meiner, stark naturwissenschaftlich geprägten, Sicht analysieren. Andererseits werde ich aber auch erklären warum der Betrieb eines Fotostudios – unseres Fotostudios – während einer solchen Krise möglich und vor allem aber auch nötig ist.

Studio leer

15. März 2020: Meine Einschätzung der Corona-Pandemie

Was wir gerade erleben, ist eine der grössten Pandemien, welche wir in den letzten 100 Jahren erlebt haben (wir erinnern uns z.B. an SARS 2002/2003). Auch die Schweiz schottet sich jetzt immer mehr ab und fährt das öffentliche Leben herunter. Das Wichtigste dabei ist nicht in Panik zu geraten. Um diese Aussage zu bekräftigen, zitiere ich an dieser Stelle gerne Prof. Christian Drosten[1]. Dieser gehört mit dem NDR Podcast «Das Coronavirus Update» zu einer der fachlich informativsten und verständlichsten Quellen zum Thema: «Für den Einzelnen gibt es hier keinen Grund, in Panik zu verfallen. Für den Einzelnen ist das erst mal eine Erkältungskrankheit. Aber für die Gesellschaft und insbesondere für unser Medizinsystem ist es eine Riesenherausforderung, wenn diese vielen Erkältungskrankheiten alle zur gleichen Zeit auftreten. Das ist die wirkliche Herausforderung — für die Krankenhäuser, gerade für die schweren Fälle. Wir haben volle Wartebereiche, man kommt mit dem Testen nicht hinterher und so weiter.»

Professor Christian Drosten war übrigens derjenige, der das SARS-Virus von 2002 entdeck hat und war einer der ersten, der Mitte Januar 2020 bereits einen diagnostischen Test für das SARS-Cov-2-Virus[2] (also den aktuellen Coronavirus) entwickelt hat.

Wieso diese drastischen Massnahmen?

Wir erleben gerade die exponentielle Ausbreitung eines neuen Krankheitserregers, für welchen wir keine Immunität aufweisen noch irgendwelche Impfstoffe oder Medikamente für die hervorgerufene Krankheit haben. Diese exponentielle Ausbreitung müssen wir zum Schutz der Gesamtbevölkerung unbedingt stoppen. Nur so können wir sicherstellen, dass unser Gesundheitssystem jederzeit genügend Kapazität für schwer erkrankte Menschen hat – und dazu zählen nicht nur schwere Fälle von Covid-19[3].

Bei all dem muss einem aber auch klar sein, dass wir – realistisch gesehen – die allgemeine Ausbreitung von SARS-CoV-2 nicht mehr gänzlich stoppen können. Ziel ist lediglich noch das Verlangsamen der Ausbreitung bis wir entweder einen Impfstoff verfügbar haben oder die sogenannte Herdenimmunität[4] die Verbreitung stoppt.

Aktuelle Berechnungen zu SARS-CoV-2 gehen davon aus, dass wir die Herdenimmunität erreichen, wenn ca. 60-70% der Bevölkerung die Krankheit entweder durchlebt hat oder geimpft wurde. Da ein Impfstoff jedoch kaum vor Sommer 2021 verfügbar sein wird, ist es also weniger eine Frage von ob, sondern vielmehr eine Frage von wann man sich ansteckt. Entsprechend müssen wir uns darauf einstellen, über einen längeren Zeitraum mit gewissen Einschränkungen im Alltag zu leben. Dazu gehören insbesondere 4 Punkte:

  • Hände regelmässig gründlich waschen, um eine Schmierinfektion zu vermeiden
  • Social Distance – Abstand zu Mitmenschen einhalten und auf Händeschütteln verzichten
  • Kontakt zu Personen aus Risikogruppen vermeiden
  • Zuhause bleiben, wenn man Fieber und/oder Husten verspürt und erst 24h nach Abklingen der Symptome wieder unter Menschen gehen

Ich persönlich empfinde die Führung seitens BAG und Bundesrat bisher als kompetent und der Situation angemessen. Die Situation ist für uns alle neu. Das heisst auch, dass die politische Führung Entscheidungen von Tag zu Tag nehmen und neue Erkenntnisse laufend einfliessen lassen muss.

Da die Inkubationszeit von Covid-19 bis zu 14 Tage beträgt, werden wir die Ergebnisse der jeweiligen Massnahmen des Bundes erst mit der entsprechenden Verzögerung effektiv messen können. Die aktuell ergriffenen Massnahmen vom Freitag, dem 13. (!) März 2020 greifen nun erstmal bis Ende April und sollen die exponentielle Ausbreitung des SARS-CoV-2 Virus stoppen. Ob die Massnahmen ausreichen oder noch weiter verschärft werden müssen, werden wir wohl oder übel erst in ein paar Tagen mit Sicherheit wissen. Ich persönlich schätze, dass uns noch eine weitere Verschärfung bevorsteht bis die Ansteckungsketten unterbrochen werden können. Weiter offen bleibt indes auch die Frage, wie die Situation ab Mai/Juni aussehen wird und mit welchen Einschränkungen wir im Alltag durch den Sommer gehen müssen. Gewissheit wird uns nur die Zeit bringen.

Kann ich während der Corona-Pandemie weiterhin Menschen fotografieren?

Das ist die heisse Frage, welche im Moment nicht nur mich, sondern auch ganz viele Berufskollegen bewegt. Meine Antwort darauf ist ein eindeutiges «Ja, aber..»

Auch ich analysiere mit meinem Team die Situation täglich. Wir entscheiden von Tag zu Tag, welche Aufträge machbar sind und welche zeitlich besser verschoben werden sollten. Wir führen also für jeden Auftrag eine individuelle Risikobewertung durch. Dabei halten wir uns strikt an die Vorgaben des BAG und passen unsere Arbeitsabläufe laufend der aktuellen Lage und Erkenntnisse an. So werden wir z.B. bis auf Weiteres keine Bildauswahlen gemeinsam mit Kunden am Monitor durchführen. Die Bildauswahl erfolgt per sofort über ein online-basiertes Galeriesystem. So können wir die Social-Distancing-Empfehlung des BAG einhalten. Auch werden wir Besprechungen mit Kunden, für welche nicht zwingend persönliche Anwesenheit nötig ist, telefonisch oder per Video-Chat durchführen.

In den nun kommenden zwei Wochen werden wir mit allergrösster Vorsicht agieren und den Betrieb auf ein absolutes Minimum reduzieren. Wir stehen aber unseren Kunden für dringende Termine, welche sich nicht verschieben lassen und welche unter Einhaltung der vom BAG erlassenen Richtlinien durchführbar sind, fürs Erste weiter zur Verfügung.

Ich appelliere hier stark an die Eigenverantwortung von uns allen. Wer sich nicht wohl fühlt, Fieber und/oder Husten hat, bleibt zuhause. Bis auf Weiteres werden wir bei Terminverschiebungen absolute Kulanz walten lassen. Lieber einmal zu viel verschieben als einmal zu wenig.

Was bedeutet die Krise für Selbstständige und kleine Unternehmen?

Die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Krise sind für alle spürbar und werden auch mit grosser Sicherheit noch lange nachwirken.

Am vergangenen Freitag wurde ein milliardenschweres Hilfsprogramm vom Bundesrat angekündigt. Alleine acht Milliarden Franken stehen für die kommenden Wochen für Kurzarbeit zur Verfügung. Ein wirklich hilfreiches Instrument – nur leider nicht für Selbstständige und kleine Familienunternehmen. Denn Selbstständige und Ehepartner im gleichen Unternehmen sind von der Kurzarbeit ausgeschlossen. In unserem Fall also zwei Drittel der Belegschaft.
Der Bundesrat hat in seiner Ansprache vom 13. März 2020 explizit erwähnt, dass auch Selbstständige unterstützt werden sollen. In welcher Form dies erfolgen soll, dazu wurde bis jetzt noch kein Wort verloren.

Für uns Selbstständige und kleinere Familienunternehmen ist die aktuelle Lage entsprechend massiv angespannter als bei grösseren Unternehmen, denen seitens Bund bereits konkretere Hilfszulagen versprochen wurden.

Als kleines Fotostudio ist es für uns daher entsprechend nötig, dass wir zumindest einen Minimalbetrieb aufrechterhalten können. Wir wollen für Kunden verfügbar bleiben, welche Aufträge haben, die unter Einhaltung der BAG Richtlinien und ohne Risiko einer Verbreitung des SARS-CoV-2 Virus ausführbar sind. So kann unser wirtschaftliche Schaden wenigstens ein bisschen gemindert werden.

Mein Fazit

Ich appelliere an alle Mitbürger*innen in der Schweiz: Lasst uns zusammenhalten, sowohl auf sozialer wie auch auf wirtschaftlicher Ebene. Unterstützen wir uns weiterhin gegenseitig im Alltag und lasst uns das lokale Kleingewerbe nicht vergessen. Dieses ist in der aktuellen Krise nämlich mehr denn je auf die Unterstützung seiner Lokalgemeinde angewiesen, um diese besondere Krise existenziell überleben zu können. 

PS: Persönliche Anmerkung zu meinem beruflichen Hintergrund

Ich habe es eingangs bereits erwähnt: In den Arbeitsjahren vor meiner beruflichen Tätigkeit als Fotograf habe ich fast 16 Jahre Voll- und im späteren Verlauf Teilzeit als Biologielaborant an der ETH Zürich und als Spezialist für optische Zellanalysen an der Universität Zürich gearbeitet. In dieser Zeit war ich unter anderem als BioSafety Officer für die Sicherheit eines BL2 Labors mit virologischen Versuchen zuständig. Während meiner Jahre an der Universität Zürich habe ich zudem eine Weiterbildung zur Arbeit in Laboren der Sicherheitsstufe 3 am virologischen Institut der UZH absolviert und im Anschluss mehrere Jahre unter der Sicherheitsstufe BL3 gearbeitet. Arbeiten mit Viren und anderen Krankheitserregern unter erhöhter Sicherheitsstufe gehörten somit jahrelang zu meinem Berufsalltag. Weiter durfte ich in dieser Zeit spannende Einblicke in die pharmazeutische, immunologische und virologische Forschung gewinnen.

In der aktuellen Krise bin ich froh über diese Erfahrung und das Wissen, welches ich mir in meiner Laborzeit aneignen konnte. Denn dieses hilft enorm, Zusammenhänge zu verstehen und rational einordnen zu können.

Quellen:

[1] Leiter des virologischen Instituts der Charité Berlin https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Drosten

[2] Bezeichnung des neuen Corona Virus

[3] Krankheit, welche durch das neue Corina Virus hervorgerufen wird

[4] Weitere Erklärung in Podcast Coronavirus Update Folge 4, https://www.ndr.de/nachrichten/info/coronaskript106.pdf